Die Rübenkampagne läuft weitgehend reibungslos. Das Rheinland hat keine Rekorderträge zu ernten, aber mit dem Durchschnitt der Jahre hält die Ernte mit. Auch die Preisprognosen stimmen positiv. Alles eitel Sonnenschein? Beileibe nicht. Denn im Ackerbau hängt nicht nur über dem Rübenanbau das Damoklesschwert der Brüsseler Pläne, den Pflanzenschutzmitteleinsatz massiv einzuschränken.
Von Preisen, die den Landwirten Spaß machen, war vergangene Woche auf einer Presseveranstaltung des Kölner Zucker-unternehmens Pfeifer & Langen die Rede (siehe S. 15). In der Tat haben die rheinischen Rübenanbauer durchaus Grund, zufrieden mit der aktuellen Kampagne zu sein. Zwar sind keine Rekordwerte zu verbuchen, aber im Mittel stimmen Erträge und Zuckergehalte. Viele Bestände haben den dürre- bedingten Rückstand während eines goldenen Herbstes mit milden Temperaturen und passablen Niederschlägen aufholen können. Zucker ist gefragt und kostet jetzt schon mehr als 500 €/t. Analysten sagen sogar einen weiteren Anstieg voraus. Im grünen Bereich ist damit längst nicht alles und Platz für grenzenlose Zuversicht schon gar nicht. Aber damit sind die Rübenanbauer nicht allein. Denn allen Ackerbauern droht nach wie vor Ungemach aus Brüssel.
Der von der EU-Kommission geplante massive Einschnitt bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln ist längst nicht vom Tisch. Zur Erinnerung: Der Aufwand soll um 50 % reduziert und in Schutzgebieten sogar ganz verboten werden. Gerade erst hat der Deutsche Bauernverband (DBV) eine grundlegende Überarbeitung der Kommissionsvorschläge gefordert (siehe S. 8). Er verweist dabei auch auf Folgen, die vor dem Hintergrund des Kriegs gegen die Ukraine fatal sein können. Auch wenn es schon tausendmal ausgesprochen und geschrieben wurde, die Reduzierung des Pflanzenschutzmittel-einsatzes kann die sichere Versorgung mit Lebensmitteln gefährden – zumindest solange keine wirksamen Alternativen zur Verfügung stehen; und die sind derzeit nicht in greifbarer Nähe. Vermeintlich vorhandene Alternativen führen dagegen womöglich zu anderen, kaum günstigeren Folgen. So wie etwa der Wegfall der Neonicotinoide als Beizmittel für Rübensaatgut dazu geführt hat, dass bei Läusebefall in den Beständen nicht einmal, sondern oft mehrfach Insektizide angewendet werden müssen. Fehlen zugelassene und auch wirtschaftliche Alternativen, kann es sogar zu massiven Anbaueinschränkungen kommen, so wie im polnischen Rübenanbau durch die Blattkranheit Cercospora.
Zwar ist Zucker für die menschliche Ernährung nicht essenziell. Die exemplarisch aufgezählten Folgen machen aber vor anderen Kulturen nicht halt. Das muss man bedenken angesichts der Tatsache, dass seit Dienstag 8 Mrd. Menschen auf diesem Planeten leben. Noch in diesem Jahrhundert werden es, bei gleichbleibender Entwicklung, mehr als 10 Mrd. sein. Nun muss Europa nicht die ganze Welt ernähren. Zahlreiche Studien, die sich mit den Folgen der Farm-to-Fork-Strategie befassen, zu der auch der Vorschlag der Pflanzenschutzmittelreduktion gehört, prognostizieren einen starken Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion in der EU. Vor dem Hintergrund fordert der DBV, die Vorschläge für die Verordnung über die nachhaltige Verwendung von Pflanzenschutzmitteln (auch als SUR-Verordnung bekannt) und für die geplanten Naturwiederherstellungsziele grundlegend zu überarbeiten.
Ganz ohne die deutsche Bundesregierung wird das nicht klappen. Geht es nach dem Willen von Albert Stegemann, Agrarsprecher der Unionsparteien im Bundestag, muss die bei diesen Themen sogar „in Brüssel zum Anwalt unserer Landwirte“ werden. Ob die sich allerdings gerade von der Union so leicht aufs Pferd heben lässt, ist fraglich. Haben CSU und CDU der Bundesregierung doch gerade erst im Bundesrat nicht nur beim Bürgergeld einen Strich durch die Rechnung gemacht. Auch bei den Plänen für ein Tierhaltungskennzeichen (siehe S. 9) haben die unionsregierten Länder, darunter auch Nordrhein-Westfalen, ihre Muskeln gezeigt.
Die müsste die Union allerdings auch in den eigenen Reihen spielen lassen. Denn mit Ursula von der Leyen steht eine von ihnen an der Spitze der EU-Kommission. Die überlässt in den Fragen, die den Ackerbaubetrieben in absehbarer Zeit den Spaß an der Landwirtschaft am meisten vermiesen dürften, allerdings ihrem Vize Frans Timmermans das Feld. Der treibenden Kraft hinter der Farm-to-Fork-Strategie und den Pflanzenschutzreduktionszielen werden jedoch nicht gerade überbordende Sympathien für den Berufsstand nachgesagt. Dafür gilt er als einer, der von vorneherein extrem hohe Messlatten anlegt, um am Ende deutlich mehr herauszuschlagen als einen Kompromiss in der goldenen Mitte. Jenseits davon hört für die, die das umsetzen sollen und die davon auch noch leben müssen, aber der Spaß auf.