Der Wolf breitet sich schneller aus als erwartet. Und damit wächst auch das Konfliktpotenzial. Wenn das Zusammenleben von Mensch und Wolf funktionieren soll und weiterhin Tiere auf der Weide grasen sollen, dann ist ein aktives Wolfsmanagement gefragt – und von Gesellschaft und Politik mehr Ehrlichkeit und Transparenz.
Zum Weihnachtsfest in das „Gloria in excelsis Deo“ einzustimmen und zu singen „Hirten, warum wird gesungen? Sagt uns doch eurer Freude Grund!“, das wird den Weidetierhaltern am Niederrhein in diesem Jahr wohl schwerfallen. Ist der Name Gloria für sie doch mit Wut und Sorgen verbunden, denn die Wölfin, die im Wolfsgebiet Schermbeck mit zahlreichen Übergriffen in gesicherte Koppeln für gewaltige Unruhe sorgt, trägt in der Bevölkerung diesen Namen. Weil sie auch als sicher geltende Zäune überwindet, gilt die Wölfin unter Schäfern und Jägern als „Problemwolf“ und damit verbunden ist die Forderung zur Entnahme.
Aber auch in anderen Landesteilen geht längst die Sorge um, denn der Wolf scheint auch in weiteren Regionen wieder heimisch zu werden. Nordrhein-Westfalen hat mit Schermbeck, der Senne sowie der Eifel mittlerweile drei Wolfsgebiete und vier Pufferzonen und jetzt aktuell im Oberbergischen Land ein Wolfsverdachtsgebiet ausgewiesen. Dabei scheiden sich in Deutschland beim Thema Wolf nach wie vor die Geister. Während sich die einen über jeden Wolfshinweis und jedes neu registrierte Tier freuen, sehen die anderen die wachsende Population kritisch. Nicht zuletzt deshalb, weil der Rückzug der Weidetierhaltung damit weiter forciert wird – und damit auch hehre Ziele wie Klimaschutz und Biodiversität auf dem Spiel stehen.
Für eine sachliche Diskussion wären verlässliche Bestandszahlen eine gute Basis. Aber gerade daran scheint es zu hapern. Der Eindruck liegt nahe, dass die veröffentlichten Zahlen und Daten interessengesteuert sind. Die Zahlen, die die mit dem bundesweiten Wolfsmonitoring beauftragte Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) veröffentlicht, geben nur grobe Informationen her. Nicht gerade für mehr Vertrauen und Transparenz sorgt dann, wenn die Bundesregierung die eher vagen DBBW-Zahlen als Grundlage ihrer Meldung nach Brüssel heranzieht und damit dann weiter Politik gemacht wird.
Kritik, insbesondere beim Deutschen Jagdverband (DJV), rufen auch die Anfang Dezember vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) veröffentlichten Bestandsangaben hervor, wonach im letzten Frühjahr bundesweit 105 Rudel, 25 Paare und 13 Einzelwölfe registriert wurden. Die Population hat sich weiter stabilisiert, ein Jahr zuvor waren es noch 77 Rudel, 40 Paare und drei Einzelwölfe. Der DJV geht von einer Zuwachsrate von 35 % aus und sieht die Population im kommenden Frühjahr bereits auf stattliche 1 800 Wölfe anwachsen. Es liegt auf der Hand, dass die Konflikte zwischen Nutztieren und Bevölkerung weiter zunehmen und in einigen Regionen sogar die Akzeptanz für den Wolf grundsätzlich infrage gestellt wird.
Im Wolfsgebiet Schermbeck am Niederrhein lässt sich das bereits feststellen. Wer ländlich wohnt und die Wölfin nahe der Bebauung schon auf Streifzug beobachten konnte, berichtet verständlicherweise vom mulmigen Gefühl. Schafhalter, in deren Koppeln die Wölfin eingedrungen ist und neben toten und verletzten Schafen eine verstörte Herde zurückgelassen hat, werfen einer nach dem anderen das Handtuch und geben ihre Tierhaltung auf. Dass das Land den Herdenschutz durch wolfssichere Umzäunungen fördert und die gerissenen Schafe entschädigt, kann die Entscheidung nicht verhindern. Die Vorgaben für die Zäune werden zunehmend anspruchsvoller mit dem Effekt, dass Gloria darauf trainiert wird, immer noch höher zu springen, sagen die Schafhalter resigniert. Wenn hier nicht gegengesteuert wird, dann ist bald eine Verordnung mit Schutzstatus für Weidetierhalter notwendig.