Zeitenwende überall?

Brigitte Wenzel

Der Schweinepreis kennt doch noch den Weg nach oben. Die zermürbende Zeit der Dauertiefstpreise hat ein Ende. Für die Zukunft sollte das aber richtig gedeutet werden.

Die Schweinehaltung erlebt einen tiefen Einschnitt. Der Schweinebestand in Deutschland ist auf dem niedrigsten Stand seit 25 Jahren. Das hat gute Gründe. Deutschland hat sich auch aufgrund wissenschaftlicher Empfehlung auf den Weg zu einem Premiumtierhaltungsstandort gemacht. Man wird diesen Weg wohl auch weitergehen. Dafür sprechen sogar zwei Gutachten des wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik beim BMEL: das aus dem Jahr 2015 über die „Wege zu einer gesellschaftlich akzeptierten Nutztierhaltung“ und das das aus dem Jahr 2020 zur „Politik für eine nachhaltigere Ernährung“. Letzteres bekräftigt das Ziel, Gesundheit, Umwelt, Soziales und Tierwohl zusammenbringen zu wollen, indem insbesondere die Außer-Haus-Verpflegung eine gute Ernährungsumwelt dafür schaffen soll, dass der Konsum tierischer Produkte schon von klein auf in Maßen bleibt.

Fakt ist: Die Produktionskosten pro Kilogramm Schweinefleisch hierzulande sind schon heute nicht mehr wettbewerbsfähig, wenn man nach Spanien, Dänemark, Frankreich schaut. Und die Umsetzung des Kastenstandverbots kommt ja erst noch! Ganz zu schweigen von den Empfehlungen der Borchert-Kommission, die der neue Landwirtschaftsminister Özdemir als gute Vorlage sieht. Ob der Staat allerdings noch bereit ist für eine langfristige Förderung dieser Premiumtierhaltung, darf bezweifelt werden. Eine Anschubfinanzierung – wie es Özdemir für den Umbau der Tierhaltung vorschwebt – wird wohl nicht reichen.

Ja, der russische Angriff auf die Ukraine bringt auch das Thema Ernährungssicherung in die Köpfe zurück. Und wenn der neue Wirtschaftsminister Robert Habeck in Bezug auf Energie klarstellt, dass im Zweifel „die Versorgungssicherheit gewährleistet sein“ müsse und „Unabhängigkeit in existenziell wichtigen Dingen ebenso wichtig sei“, spitzt man die Ohren. Sein Parteikollege Cem Özdemir machte kürzlich deutlich, dass ein Zurückdrehen der Agrarpolitik nicht infrage komme, denn das Recht auf Nahrung müsse weltweit gesichert werden, deshalb müssten die ökologischen Krisen entschieden bekämpft werden.

Dass der eingeschlagene Weg bei der Tierhaltung, der auch im Sinne des Green Deal zu geringeren Tierzahlen führen wird, wieder verlassen wird, ist also Wunschdenken. Dazu kommt, dass Schweinefleisch hierzulande in der Gunst der Verbraucher – anders als Geflügel- und Rindfleisch – seit bereits zehn Jahren verliert, im Schnitt etwa 1 kg pro Kopf und Jahr. So sieht jeder Schweinehalter, dass die Kosten für seine Produktion zwar weiter steigen werden, das Portemonnaie seiner rückläufigen Kundschaft aber immer leerer wird. Daran wird auch ein steigender Mindestlohn nichts ändern. Der Lebensmitteleinzelhandel hat sich überwiegend darauf festgelegt, ab 2030 zumindest im Frischfleischbereich nur noch Ware aus der Haltungsstufe 3 und 4 anzubieten. Er wird Wege finden, weiterhin für alle bezahlbare Lebensmittel anbieten zu können. Ob man vor diesem Hintergrund noch Geld in die „Ställe von morgen“ investiert, kommt deshalb auf die betrieblichen Gegebenheiten an:

Kann man seinen Schweinen nicht nur deutlich mehr Platz im Stall, sondern auch Außenklimareize oder sogar Auslauf bieten?

Kann man sich mit Partnern in der Region wenigstens etwas unabhängiger machen von den großen Vermarktern und dem Lebensmitteleinzelhandel? Wenn schon Premiumhaltung, dann sollte möglichst viel Wertschöpfung auch in der Region bleiben! Ob es noch genug Ferkelerzeuger geben wird, um das späte Bekenntnis der Ketten zu 5xD (also Ursprung Deutschland) auch erfüllen zu können, bleibt offen.

Brennt man so für die Schweinehaltung, dass man die großen Herausforderungen der Zukunft annehmen kann? Zum Umbau der Tierhaltung hin zu mehr Platz und Beschäftigung kommen ja auch noch höherer Brandschutz in Ställen, Seuchenprävention in Zeiten von zunehmender Außenhaltung, aber auch in der Co-Existenz von immer mehr Hobbyhaltungen, Lösungen für Tiertransporte an heißen Tagen und immer mehr Eigenverantwortung der Tierhalter.

Unverzichtbar ist die eigene Bereitschaft zu Transparenz und Dialog mit der Bevölkerung: Die Menschen, die sich Schweinefleisch aus Deutschland dann noch leisten können, wollen es uneingeschränkt genießen können. Im Fokus allen Handelns im Stall muss demnach der Kunde und seine Sicht auf das Tier stehen.