Es gibt viele Ansätze, aber keinen Königsweg. Das wurde bei einem Pressegespräch des Julius-Kühn-Instituts (JKI) im Vorfeld einer Fachveranstaltung zu den beiden Pflanzenkrankheiten Stolbur und SBR in dieser Woche deutlich. Augenblicklich scheint Forschungsergebnissen zufolge die Fruchtfolge der effektivste Hebel zu sein, um den Entwicklungszyklus der Schilfglasflügelzikade zu unterbrechen. Das Insekt ist Überträger der für die beiden Erkrankungen verantwortlichen Organismen, die mittlerweile nicht nur bei Zuckerrüben und Kartoffel, sondern nachweislich auch schon mehrere Gemüsearten befallen. Deutschlandweit waren im vergangenen Jahr laut Zahlen der Pflanzenschutzdienste 85 000 ha Zuckerrüben und 22 000 ha Kartoffeln betroffen. Für den Gemüseanbau liegen keine Zahlen vor.
Untersuchungen des Landwirtschaftlichen Technologiezentrums (LTZ) Augustenberg legen nahe, dass die bislang wirkungsvollsten Maßnahmen gegen die Schilfglasflügelzikade in einer Schwarzbrache nach dem Anbau von Kartoffeln oder Zuckerrüben besteht. Die Maßnahme habe mit 2 % die höchste Sterblichkeitsrate bei den im Boden lebenden Nymphenstadien des Insekts. Der Effekt beruhe darauf, dass den Nymphen dadurch Nahrung entzogen wird und sie verhungern. Prof. Jürgen Gross, Leiter des Fachinstituts für Pflanzenschutz in Obst- und Weinbau, der einen Forschungsschwerpunkt auf Vektorinsekten wie der Schilfglasflügelzikade hat, sieht in der Schwarzbrache aus Gründen des Erosionsschutzes aber langfristig keine Option. In der augenblicklichen Situation müsse man aber „irgendwie versuchen, damit über die Runden zu kommen“.
Prof. Gross stellte daher auch verschiedene andere Ansätze vor. Diese befinden sich allerdings sämtlich noch in der Erprobung. Ob und wann sie für den Praxiseinsatz geeignet sind, ist nicht absehbar. Aber es gibt hoffnungsvolle Ansätze. So berichtete Prof. Gross von Versuchen des JKI mit einem saugenden Pilz, der zu einer schnellen und sehr hohen Mortalität bei den Zikaden geführt habe. Dies sei ein „vielversprechender biologischer Bekämpfungsansatz“. Vorstellbar wäre nach seinen Schilderungen, dass der Pils in Form von Granulaten auf den Feldern ausgebracht werden könnte. Geprüft würden von verschiedenen Arbeitsgruppen zudem verschiedene Repellentien, Duftstoffe oder Fangpflanzen. Exotisch mutet ein Ansatz an, bei dem der Gesang der Zikaden genutzt wird, um die Population zu verringern. Hierbei würden die männlichen Zikaden so stark stimuliert, den künstlich erzeugten Gesang weiblicher Tiere zu erwidern, dass sie zugrunde gehen.
Von konventionellen züchterischen Ansätzen seien keine schnellen Erfolge zu erwarten. CRISP/Cas könnte hier Abhilfe schaffen, sei aber aus politischen Gründen nicht gewollt. Angesprochen auf den möglichen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln stellte Prof. Gross klar, dass es derzeit keine regulär zugelassenen Insektizide gegen die Zikade gibt. Er stellte in Aussicht, dass auf der Fachveranstaltung des JKI über Streifenversuche im vergangenen Jahr berichtet werde. Außerdem lägen Anträge auf Notfallzulassungen beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) vor, über die aber noch nicht entschieden sei.
ds