Zukunft braucht mehr Unterschiede

Foto: Frank Maurer

Milch hat eine Zukunft. Darin waren sich die Teilnehmer einer Diskussionsrunde anlässlich des 14. Forum Milch NRW der Landesvereinigung der Milchwirtschaft NRW e. V. (LV Milch NRW) einig. Sie gingen am Dienstag vergangener Woche in der Rohrmeisterei in Schwerte der Frage nach: „Welche Zukunft braucht die Milchwirtschaft?“. Rund 100 Branchenvertreter verfolgten vor Ort die teils konträren Standpunkte, weitere Zuschauer hatten die Möglichkeit, per Livestream teilzunehmen. Einen Konsens fanden die Vertreter aus Molkereiwirtschaft, Zuchtorganisationen, Verbänden, Praxis und Politik jedoch. Diversifizierung, also eine Differenzierung des Angebots entsprechend den Wünschen der Verbraucherschaft, kann der Schlüssel für die Zukunft des Sektors sein. Voraussetzungen dafür seien allerdings verlässliche Rahmenbedingungen und eine entsprechende Entlohnung des Mehraufwands. Außerdem sollte besser gebündelt werden, wie überprüft wird, wie die Milchviehhalter die an sie gestellten Anforderungen einhalten. Ein leicht verständliches System aus einer Hand wäre dafür hilfreich.

Zu Beginn sprach Ursula Heinen-Esser, Ministerin für Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz, ein Grußwort und lobte die Krisensicherheit der Milchwirtschaft während der Pandemie: „Die Versorgung mit Milch und Milcherzeugnissen war zu jeder Zeit sichergestellt.“ Zukünftig müssten aber auch Veränderungen im Milchsektor vorgenommen werden, um den gesellschaftlichen Anforderungen an das Tierwohl und Klima- sowie Umweltschutz gerecht zu werden. Diesbezüglich blickt die Ministerin positiv in die Zukunft: „Ich sehe für die Milchwirtschaft gute Chancen, diese Herausforderungen zu meistern.“ Außerdem sprach sie sich dafür aus, keine neuen Anforderungen an die Landwirtschaft zu stellen, sondern ihr Zeit zu geben, sich auf die bestehenden einzustellen.

Im Anschluss diskutierten vier Vertreter der Milchwirtschaft ihre Zukunftsvisionen für die Branche unterei­nan­der, mit der Ministerin und mit dem Publikum. Die Diskussionspartner waren: Heinrich Gropper, Geschäftsführer der Molkerei Gropper GmbH & Co. KG, Georg Geuecke, Vorsitzender des Bundesverbandes Rind und Schwein (BRS) e. V. und Mitglied der Borchert-Kommission, Ludwig Börger, Geschäftsführer QM-Milch e. V. und Referatsleiter Milch beim Deutschen Bauernverband (DBV) e. V., und Benedikt Langemeyer, Vorsitzender Ausschuss Öffentlichkeitsarbeit der LV Milch NRW, DMK-Aufsichtsrat und praktischer Landwirt. Moderiert wurde die Diskussion von Detlef Steinert, Chefredakteur der LZ Rheinland.

Provokante Thesen

Die Molkerei Gropper GmbH & Co. KG ist eine Privatmolkerei mit Hauptstandort im bayerischen Bissingen und produziert Handelsmarken für viele große europäischen Handelshäuser. Geschäftsführer Heinrich Gropper betonte, dass sich die Milchwirtschaft an den Anforderungen des Marktes orientieren müsse und möglichst schnell auf diese reagieren sollte. Mehrwertkonzepte zu Themen wie Tierwohl, Nachhaltigkeit oder Regionalität könnten Lösungen für die Zukunft sein. Außerdem könne nicht alles im Detail politisch geregelt werden, sondern die Verbraucher sollten mehr Eigenverantwortung tragen. „Wa-rum kostet der Liter Milch im Laden 70 Cent und nicht 1 €? Ich sage Ihnen ganz sicher, dass der 1 € ausgegeben werden kann“, warf er in den Raum. Abschließend nannte er als seine Ziele für die Zukunft, ein verlässlicher Partner zu sein und mit innovativen Ideen marktfähig zu bleiben. Seit 2017 verarbeitet die Molkerei Gropper Milch des Labels „Für Mehr Tierschutz“ des Deutschen Tierschutzbundes e. V. (DTB). Im Jahr 2018 haben die Molkerei Gropper und der Nahrungsmittelkonzern Dr. Oetker das Start-up Moers Frischeprodukte GmbH & Co. KG gegründet. In der Diskussion meldete sich eine Landwirtin zu Wort, die Milch mit dem Tierschutzlabel an Moers Frischeprodukte liefert. „Wir haben schon lange Weidehaltung und endlich wird es honoriert“, sagte sie.

Georg Geuecke sieht die Ergebnisse der Borchert-Kommission zum Umbau der Tierhaltung als Chance, die genutzt werden sollte, und nicht als Gefahr. „Wir sind auf einem guten Weg“, blickte er positiv in die Zukunft. Ein Grund dafür ist laut dem Vorsitzenden des BRS auch die vergleichsweise ressourcenschonende Milchproduktion hierzulande. „Ich wehre mich gegen ein Verpönen des Exports“, stellte er außerdem klar. Für ihn sei Milchwirtschaft mit Blick auf die Zukunft der Welternährung auch immer in einem globalen Kontext zu betrachten.

Ludwig Börger sieht in Bezug auf die Borchert-Kommission noch viele offene Fragen und mahnte daher an: „Wir brauchen einen klaren Fahrplan für die Umsetzung und diese Ergebnisse bräuchte es eigentlich schon gestern.“ Denn der Erfolg politischer und wirtschaftlicher Initiativen solle vor allem daran gemessen werden, ob und in welchem Maß sie zu einer höheren Verlässlichkeit für landwirtschaftliche und milchwirtschaftliche Unternehmen beitragen. Er forderte: „Der Milchsektor sollte seine Standards selber definieren in Abstimmung mit dem Lebensmittel-einzelhandel, anstatt sich die Standards von Dritten definieren zu lassen.“ Laut Börger könne die deutsche Milchwirtschaft grundsätzlich positiv in die Zukunft blicken, da sie gut aufgestellt sei, was Klimaeffizienz und moderne Produktionsmethoden angeht.

Mehrwert hervorheben

Benedikt Langemeyer sprach sich dafür aus, dass der Wert und die Besonderheiten des Produkts Milch wieder mehr im Vordergrund stehen sollten, und sieht darin Chancen für die Zukunft. Die Anforderungen, die an die Landwirte gestellt werden, sollten seiner Meinung nach vermehrt aus einer Hand kommen. Denn der normale Milchviehhalter komme mit der Vielzahl nicht mehr zurecht und den Verbrauchern gehe es auf der anderen Seite genauso. „Wir brauchen wenige Systeme, die leicht verständlich sind und von allen in der Kette getragen und auch vom Verbraucher verstanden werden“, sagte Langemeyer. Zum Abschluss der Veranstaltung wünschte sich der Landwirt für die Zukunft eine bessere Erlössituation und mehr gesellschaftliche Akzeptanz.

kj